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Wachstum + Ressourcen
Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum führt unausweichlich in die ökologische Katastrophe.
Ulrike Herrmann. Buch: Goodbye, Kapitalismus: So kann der Übergang zu einer neuen Wirtschaftsordnung gelingen. 2022
Wir müssen das Wachstumsdilemma anpacken, das da lautet:
- Das Wachstum unserer heutigen Wirtschaft aufgeben, bedeutet das Risiko eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruchs.
- Das herkömmliche Wachstum beibehalten, bedeutet das Risiko der Zerstörung globaler Ökosysteme, die unsere Lebensgrundlage sind.
Tim Jackson. Wohlstand ohne Wachstum - Das Update. Grundlage für eine zukunftsfähige Wirtschaft. 2016.
Es ist klar, dass es darauf keine einfachen Antworten gibt - keine Antwort, die vorgeschlagen werden könnte, ohne gleichzeitig eine umfassende Transformation der Art und Weise, wie wir denken, arbeiten und unser Leben ausrichten, vorzuschlagen.
Übersetzt von: David Fleming. Surviving the Future: Culture, Carnival and Capital in the Aftermath of the Market Economy. 2016.
Drei Prozent Wachstum bedeutet eine Verdoppelung der Weltwirtschaft alle dreiundzwanzig Jahre. Das wäre vielleicht in Ordnung, wenn das BIP *) einfach aus der Luft gegriffen wäre. Aber so ist es nicht. Es ist an den Energie- und Ressourcenverbrauch gekoppelt .
Übersetzt von: Jason Hickel. Buch: Less is More. How degrowth will save the world. 2020
*) BIP (engl. GDP) steht für Bruttoinlandsprodukt und stellt den gesamten Geldwert aller Endprodukte und Dienstleistungen dar, die in einem Land während eines bestimmten Zeitraums produziert und verkauft werden.

© Ueli Hafner 2022
Kontinuierliches Wachstum ist kein Märchen, es ist eine Notwendigkeit. Aber nicht einfach irgendein Wachstum.
Die Macht des Marktes muss auf das ausgerichtet werden, was die Gesellschaft will. Das erfordert Massstäbe für Einkommen und Wohlstand, die unsere Werte widerspiegeln.
Wir brauchen eine Welt, in der wir uns nicht mehr nur von Messgrössen wie dem Bruttoinlandsprodukt BIP leiten lassen.
Übersetzt von: Mark Carney. Buch: Value(s) - Building a Better World for All. 2021
Wir brauchen somit dringend eine klare Vision, eine mutige Politik und eine wirklich robuste Strategie, um den Ausweg aus dem Wachstumsdilemma zu finden.
Vom normalen Politikbetrieb wird das Wachstumsdilemma allerdings noch kaum wahrgenommen und in der öffentlichen Debatte allenfalls am Rande erwähnt.
Tim Jackson. Buch: Wohlstand ohne Wachstum - Das Update. Grundlage für eine zukunftsfähige Wirtschaft. 2016

Hintergrundbild © Anderl | Shutterstock, Inc. [US] 2018
Die konventionelle Reaktion auf das Wachstumsdilemma ist der Ruf nach Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch durch effizientere Produktionsprozesse.
Effizienter zu produzieren, bedeutet aber eine Steigerung der Produktivität und diese ermöglicht weiteres Wachstum mit zusätzlichem Ressourcenverbrauch.
In der Wirtschaft werden alle Effizienzgewinne prinzipiell in neue wirtschaftliche Aktivitäten übertragen. Diese Reinvestition von Effizienzgewinnen ist genau das wirtschaftliche Prinzip, auf dessen Grundlage Wachstum und Gewinne erzielt werden.
Beckert Jens. Buch: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. 2024
Bisher hat die Umwelt- und Klimapolitik global bestenfalls eine relative Entkopplung *) zwischen Wachstum - gemessen am BIP - und Ressourcennutzung bzw. Treibhausgasemissionen erreicht.
Übersetzt von: Helmut Haberl etal. 2020. A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions. Part II: syntheszising insights. Environ.Res.Lett. 15.
*) Eine relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum bedeutet, dass der Ressourcenverbrauch bei einer nachhaltigeren, aber weiterhin wachsenden Wirtschaft zwar weniger stark zunimmt, aber immer noch ansteigt. Bei einer absoluten Entkopplung würde der Ressourcenverbrauch trotz wachsender Wirtschaft nicht weiter ansteigen.
Es herrscht eine kontroverse Debatte über die Frage, ob denn mit einem sog. Grünen Wachstum eine absolute oder zumindest ausreichende Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch zukünftig erreicht werden könne.
Nachgewiesen werden konnte vorerst eine absolute Entkopplung zwischen Wachstum und dem CO2 - Ausstoss – und das regional nicht aber global:
Tatsächlich haben in den letzten zehn Jahren einige reiche Länder ihre CO2 - Emissionen reduziert und gleichzeitig ihr Bruttoinlandsprodukt BIP erhöht, und damit eine absolute Entkopplung erreicht. Aber, bei den erreichten Reduktionsraten würden diese Länder im Durchschnitt mehr als 220 Jahre brauchen, um ihre Emissionen um 95 % zu reduzieren.
Übersetzt von: Jefim Vogel and Jason Hickel. Is green growth happening? An empirical analysis of achieved versus Paris-compliant CO2 – GDP decoupling in high-income countries 2023
Die Analyse der Daten der vergangenen 30 Jahre von über 1.500 Regionen in aller Welt zeigt, dass es 30 Prozent gelungen ist, ihre CO2 - Emissionen zu senken und gleichzeitig ihr Wirtschaftswachstum zu fördern. Doch das derzeitige Tempo der Entkopplung reicht nicht aus, um Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu erreichen.
Grünes Wachstum: 30 Prozent der Regionen weltweit entkoppeln Wirtschaftswachstum von CO2 -Emissionen. Potsdam-Institut für Klimaforschung. Oktober 2024

Die Kreislaufwirtschaft ist wichtig, um eine nachhaltige und gerechte Entwicklungsagenda voranzutreiben. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht darin, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu sichern, ohne die Grenzen unseres Planeten zu überschreiten.
Massnahmen der Kreislaufwirtschaft können einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem der Bedarf an Primärrohstoffen und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen, die bei der Gewinnung und Verarbeitung dieser Ressourcen entstehen, reduziert werden.
Übersetzt von: The circular economy in motion. European Investment Bank. 2024
Die steigende Ressourcennutzung ist die Hauptursache für die dreifache planetarische Krise. Ein prognostizierter Anstieg der Ressourcennutzung um 60 Prozent bis 2060 könnte nicht nur die Bemühungen zur Erreichung der globalen Ziele in Bezug auf Klima, Biodiversität und Umweltverschmutzung, sondern auch den wirtschaftlichen Wohlstand und das menschliche Wohlergehen zunichtemachen.
Die Reduzierung der Ressourcenintensität von Ernährung, Mobilität, Wohnen und Energiesystemen ist der beste und einzige Weg, um die Nachhaltigkeitsziele (SDGs), die Klimaziele und letztlich einen gerechten und lebenswerten Planeten für alle zu erreichen.
Übersetzt von: United Nations Environment Programme. Global Resources Outlook 2024. Bend the Trend - Press Release. March 2024
Die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen ist für 90 % des weltweiten Verlusts an biologischer Vielfalt, für 50 % der weltweiten Treibhausgasemissionen und für über 30 % der durch Luftverschmutzung verursachten Gesundheitsschäden verantwortlich.
Übersetzt von: Piotr Barczak. How a circular economy can cure globale resource overconsumption. Meta from European Environmental Bureau. July 16, 2024.
Trotz Bestrebungen hin zu einer Kreislaufwirtschaft, ist der Anteil wiederverwerteter Materialien am Gesamtverbrauch aller Materialien in den letzten Jahren gesunken.
Der Anteil der von der Weltwirtschaft verbrauchten Sekundärmaterialien*) ist von 9,1 % im Jahr 2018 auf 7,2 % im Jahr 2023 gesunken - ein Rückgang um 21 % innerhalb von fünf Jahren.
Übersetzt von: The Circularity Gap Report 2024 - Executiv Summary. Circal Economy Foundation.*) Sekundärmaterialien stammen aus eingesammelten, entsorgten Materialien und unterscheiden sich von aus der Natur gewonnenen Primärmaterialien.

Hintergrundbilder © Aleutie + © Anson0618 | Shutterstock, Inc. [US] 2019/2024
Es müssen zwei unterschiedliche Entkopplungsaufgaben verfolgt werden:
- Entkopplung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen von nicht nachhaltigem Naturverbrauch und
- Entkopplung der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse vom Imperativ zu immer mehr Konsum.
Maja Göpel. 2016. The Great Mindshift.
Eine Patentlösung für die Entkopplung von Wohlstand und Naturzerstörung wird es nicht geben, aber wenn wir es nicht schaffen, dann müssen wir uns an die neuen Bedingungen anpassen. Und die werden hart sein.
Interview mit Harald Lesch. Digitale Welten riechen nicht. GeoPlus 29.09. 2021
Die ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Wenn wir sie nicht angehen, werden die Folgen verheerend und äusserst ungleich sein. Wir müssen handeln. Es muss in grossem Massstab geschehen. Und zwar viel schneller, als wir es bisher getan haben.
Hannah Ritschie. Buch: Hoffnung für Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen. 2024.
Wir stehen also vor der Herkulesaufgabe, die grundlegenden Bedürfnisse von bald 9 bis 10 Milliarden Menschen zu befriedigen und gleichzeitig die ökologischen Grenzen der Erde einzuhalten.
Dabei ist zu erinnern, dass eine Minderheit von schätzungsweise 20 % der Menschheit 80 % des globalen Ressourcenverbrauchs beansprucht.

