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Wo stehen wir?

Wir stehen einer Sprachlosigkeit gegenüber und wissen nicht, wie sie überwinden, um die Realität begreifbar zu machen, den Ernst der Lage angemessen zu beschreiben.
Übersetzt von: George Marshall. Buch: Don't Even Think About It - Why Our Brains Are Wired to Ignore Climate Change. 2014

Eine ganze Gesellschaft hängt fest zwischen dem Gefühl von drohender Katastrophe und der Unfähigkeit, sich dieses Gefühl einzugestehen.
Zitat von: Joanna Macy (1929 - 2025), Ökophilosophin, Aktivistin und Systemwissenschaftlerin.

Die menschliche Fähigkeit zu handeln, hat die Fähigkeit zu verstehen, weit übertroffen. Daraus erwächst für die Zivilisation ein Orkan von Problemen, ausgelöst durch Überbevölkerung, Überkonsum der Reichen, Einsatz umweltschädlicher Technologien und schlimme Ungleichheiten.
Übersetzt von: Blue Planet Prize Laureates, Gro Harlem Brundtland et al. Environment and Development Challenges: The Imperative to Act. 2012

Wir stehen an der Schwelle einer Veränderung, die mit den gewohnten Fortschritten und Wandlungen nichts mehr gemein hat. Grund sind die nicht beabsichtigten Nebenfolgen des technischen Fortschritts. Diese sind jetzt zu zentralen Risiken geworden, deren Bewältigung uns fundamental überfordert.
Ulrich Beck, Soziologe. Buch: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne. 1986

Die hoch-industrialisierte moderne Welt ist mit ihrer Weisheit ziemlich am Ende - seien es die spürbaren klimatischen Veränderungen, die schleichend zunehmende ökologische Zerstörung, die Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich, die kollabierenden Sozial- und Gesundheitssysteme, die leeren Staatskassen, die scheinbar nicht zu bewältigende Zunahme der Arbeitslosigkeit, das rasante Wachstum psychischer und allergischer Erkrankungen.

Wir stehen an einem Wendepunkt. 
Gemäss Geseko von Lüpke. Buch: Politik des Herzens. Nachhaltige Konzepte für das 21. Jahrhundert. Gespräche mit den Weisen unserer Zeit. 2015

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.
Georg C. Lichtenberg, Physiker und Schriftsteller 1742 - 1799

Was machen die Reichen? 

Hintergrundbild © ittipon | Shutterstock, Inc. [US] 2018

Die vergangenen Jahrzehnte haben vielen Menschen einen beispiellosen Wohlstand beschert. Dafür zahlt unser Planet und mit ihm eine unvorstellbar grosse Zahl von Menschen aber einen hohen Preis.

Dies ist das historisch Neue an der gegenwärtigen Situation. Während wir immer näher an den Rand der ökologischen Grenzen rücken - der Bedingungen, unter denen unsere Spezies gedeihen kann - untergräbt die Entwicklung der reichen Welt systematisch die Überlebensbedingungen von Milliarden von Menschen in der klimatischen Gefahrenzone.

Sie werden nicht so sehr ausgebeutet oder umgangen, sondern sind Opfer der klimatischen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums, das anderswo stattfindet. Diese gewaltsame und indirekte Verstrickung ist in ihrer Qualität und ihrem Ausmass neu.
Übersetzt von:
Adam Tooze. The Climate emergency really is a new type of crisis - consider the the 'triple inequality' at the heart of it. The Guardian 23.11.2023

Der Druck der globalen Mittel- und Oberschichten auf lebenswichtige ökologische Systeme unseres Planeten ist inzwischen so stark geworden, dass eine klimatische und ökologische Destabilisierung der Erde begonnen hat. Diese Destabilisierung gefährdet die ökologischen Lebensgrundlagen, zu denen unter anderem ein stabiles Klima, eine funktionsfähige Biosphäre, die ausreichende Verfügbarkeit von sauberem Wasser, gesunde Böden und saubere Luft gehören.

Wir brauchen eine Diskussion über Suffizienz als «Strategie des Genug» - eine bis anhin vernachlässigte Dimension von Zukunftspolitik.
Suffizienz als «Strategie des Genug» - Diskussionspapier. Sachverständigenrat für Umweltfragen. 2024. PDF 

Von «Mehr» zu «Genug»: In den letzten fünfzig Jahren hat sich der weltweite Ressourcenverbrauch mehr als verdreifacht. Ohne dringende Massnahmen wird er sich bis 2060 noch einmal verdoppeln. Diese Entwicklung wird uns weit über die planetarischen Grenzen hinaus treiben - sie untergräbt die Klimaziele, zerstört Ökosysteme, beschleunigt die Ungleichheit und bedroht das zukünftige Wohlergehen aller Menschen.

Was wir brauchen, ist eine Abkehr von ausbeuterischen, wachstumsorientierten Wirtschaftsmodellen hin zu Suffizienz, Kreislaufwirtschaft und intelligenten und gerechten Versorgungssystemen.
Übersetzt von: Monika Dittrich and Peter Hennicke. Beyond efficiency: why sufficiency must lead the resource policy agenda. Earth4All. 29 July 2025

Hintergrundbild © Mr.Nikon | Shutterstock, Inc. [US] 2024

Es stellt sich uns wohlhabenden Menschen die Frage: Welche Lebensphilosophie steht eigentlich hinter der Unersättlichkeit von uns, die wir so hartnäckig und dabei so leidenschaftslos und missmutig auf Kosten anderer und der Umwelt leben?
Gabriela Simon. Mehr Genuss! Mehr Faulheit! Mehr Schlendrian! Die Zeit Nr. 42/1992

Menschen in wohlhabenden Gesellschaften neigen dazu, die Augen vor der Tatsache zu verschliessen, dass unsere lieb gewonnene Lebensweise die Chancen unserer Nachkommen auf ein gutes Leben leichtfertig aufs Spiel setzt. 

Mehr als zweihundert Jahre lang von den fossilen Ablagerungen des Karbons zu leben, hat uns in dem falschen Glauben gewiegt, eine ebenso grenzen- wie endlose Zukunft zu haben - eine Zukunft, in der alles möglich ist, ohne dass wir dafür eine allzu grosse Rechnung präsentiert bekommen. Wir haben diese Ära «Zeitalter des Fortschritts» getauft. Der Klimawandel ist nun die Rechnung, die heute fällig ist.
Jeremy Rifkin, Ökonom und Publizist. Buch: Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert - und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann. 2019

Was sind die grössten Risiken? 

© studiostoks | Shutterstock, Inc. [US] 2023

Das globale Wirtschaftssystem mit einer von uns Menschen kaum noch kontrollierbaren Eigendynamik gefährdet unsere natürliche Lebensgrundlage und das Zusammenleben auf der Erde.

Sogar im Global Risk Report 2022 des Weltwirtschaftsforums WEF sind fünf der sechs grössten globalen Risiken ökologische - Klimakrise, Verlust der biologischen Vielfalt, Wasserknappheit, Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen - und das sechste die Massenvernichtungswaffen.

  • Extreme Wetterereignisse mit grossen Schäden an Eigentum, Infrastruktur und Menschenleben.
  • Versagen von Regierungen und Unternehmen bei der Eindämmung des Klimawandels und der Anpassung an den Klimawandel.
  • Grosser Verlust an biologischer Vielfalt und Zusammenbruch von Ökosystemen an Land oder im Meer mit irreversiblen Folgen für die Umwelt, was zu einer starken Erschöpfung der Ressourcen für die Menschheit und die Industrie führt.

Wir wissen nicht, wie viel Treibhausgase in der Atmosphäre der Zukunft enthalten sein werden, wir wissen nicht, welche Kipppunkte es sein werden oder wann die Schwellenwerte überschritten werden. Der Hauptgrund, warum wir die Zukunft nicht kennen, ist schlicht und einfach: Wir haben keine Ahnung, was die Menschen tun werden. Wenn wir weiterhin Treibhausgase in die Atmosphäre pusten, steigen die Risiken. Wenn wir das nicht tun, wird die Welt sicherer sein.

Es sieht nicht so aus, als würden wir jemals damit aufhören. Aber die Wissenschaft ist eindeutig: Der Mensch ist für den Klimawandel verantwortlich, und der Mensch kann sich entscheiden, ihn zu stoppen. Wir sind die Ersten in der Geschichte der Erde, die vor dieser Entscheidung stehen.
Übersetzt von: Kate Marvel. Buch: Human Nature. Nine ways to feel about our changing planet. 2025

Die Unumkehrbarkeit der Veränderung ökologischer Systeme hinsichtlich einer späteren Wiederherstellung ist einfach noch nicht begriffen worden:

Wenn wir diese Kipppunkte erreichen, wo das Klima kippt, wo die Biodiversität kippt, wo die Ozeane kippen, dann haben wir komplett veränderte Lebensbedingungen für die Menschheit, für die nächsten Generationen.
Gemäss: Maja Göpel. Pressekonferenz Scientists for Future zu den Protesten für mehr Klimaschutz. 12. März 2019

Unumkehrbarkeit: Die Veränderung lässt sich nicht einfach wieder rückgängig machen, selbst wenn die ursprüngliche Ursache behoben wird.
Kipppunkt: Ein System z.B. das Klima kippt ab einem bestimmten Punkt abrupt in einen neuen Zustand.

Wo bleibt die Energiewende?

Datenquelle: Energy Institute. Statistical Review of World Energy 2025

Das Narrativ der Energiewende wird auch rückblickend so erzählt, als würden wir von einem Energiesystem auf ein anderes umsteigen, tatsächlich aber haben die 'neuen' Energieproduktionen die 'alten' jeweils nicht abgelöst, sondern ergänzt.

Nach zwei Jahrhunderten 'Energiewende' von Holz zu Kohle, von Kohle zu Öl, von Öl zu Gas und jetzt zu den Erneuerbaren hat die Menschheit noch nie so viel Öl und Gas, so viel Kohle und so viel Holz verbrannt. Holz beispielsweise liefert derzeit doppelt so viel Energie wie die Kernenergie, doppelt so viel wie die Wasserkraft und doppelt so viel wie Solar- und Windenergie zusammen.
Übersetzt und gemäss: Jean-Baptiste Fressoz. Buch: More and More and More. An All-Consuming History. 2025.

Wenn wir also nach Lösungen für die Klimakrise suchen und die CO2 - Emissionen reduzieren wollen, müssen wir uns vordringlich mit dem Verbrauch von Rohstoffen befassen, der ungeachtet aller technologischen Innovationen ansteigt. 

Wie steht es um unsere Lebensgrundlage? 

© sag1979 | Shutterstock, Inc. [US] 2026

Ungeachtet all unserer Errungenschaften, wir verdanken unsere Existenz einer fruchtbaren Bodenschicht von gerade mal 10 - 30 Zentimeter und der Tatsache, dass es regnet.

Rund ein Fünftel der Erdoberfläche ist von Wäldern, Wiesen, Weiden und Ackerland bedeckt. 8 % sind Wüsten, Berge, Gletscher, Ödland sowie städtische Gebiete, und etwas mehr als 70 % wird von Wasser bedeckt.

Durch Umnutzung, Überbeanspruchung, Erosion, Versalzung, Verdichtung, Versauerung und die Kontamination mit Schwermetallen und Pestiziden verlieren wir laufend fruchtbares Agrarland. In den vergangenen 150 Jahren ist fast die Hälfte des fruchtbaren Bodens auf der Erde verschwunden.
Quelle: UN - World Prospects: The 2015 Revision

Die Landwirtschaft und Forstwirtschaft produzieren etwa 25 % der Treibhausgasemissionen. Damit ist die Landwirtschaft einer der wichtigsten Sektoren, die sich ändern müssen, wenn wir aus der aktuellen Umwelt- und Klimakrise herauskommen wollen.

Ein weiteres, nicht nachhaltiges Merkmal ist die steigende Fleischproduktion.
Gemäss: Ernst Ulrich von Weizsäcker et al. 2018. Buch: Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.

Die Produktion von Fleisch und Milchprodukten beansprucht bereits 70 - 80 Prozent des globalen Agrarlands *), obwohl damit nur 18 Prozent des Kalorienbedarfs und 37 Prozent des Proteinbedarfs der Menschheit gedeckt werden.
Übersetzt von: Poore et al., Reducing food's environmental impacts through producers and consumers. Science 360, 987-992 (2018)

*) Anbau von Tierfutter und Weideland für Tiere

Schätzungen zufolge sinkt die Produktionskapazität von etwa 4 Millionen Hektar regenbewässerter Landwirtschaftsfläche und 35 Millionen Hektar Weideland jedes Jahr, und 12 Millionen Hektar gehen jährlich aufgrund von Bodendegradation verloren.

Es ist allgemein anerkannt, dass weltweit ein grundlegender Paradigmenwechsel hin zu einer ökologisch nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion und einem gesunden Ernährungssystem erforderlich ist, um die Umweltzerstörung und die Klimaextreme umzukehren und gleichzeitig die landwirtschaftliche Produktion innerhalb der planetarischen Grenzen nachhaltig zu gestalten.
Übersetzt von: Rockström J, Kassam A, Friedrich T, et al. Conservation agriculture: helping to return to within planetary boundaries. 2025. Global Sustainability, 9, e11, 1–27. https://doi.org/10.1017/sus.2025.10045

Zudem sollen bis im Jahr 2030 mindestens ein Drittel der weltweiten Land- und Meeresflächen sowie der Binnengewässer unter Schutz gestellt werden. Darauf einigten sich 188 Staaten an der 15. UN-Biodiversitätskonferenz 2022 in einer wegweisenden Abschlusserklärung.

Was sind die Folgen des exponentiellen Wachstums?

© Matibie+Digistock | Shutterstock, Inc. [US] 2026 

Exponentielles Wachstum in zentralen Bereichen der Gesellschaft *) löst in unserer Zeit multiple Krisen aus. Wir stossen offensichtlich an Grenzen, denn exponentielles Wachstum hat auch eine Kehrseite: den schlagartigen Bruch und Absturz.
*) z.B. Primärenergieverbrauch, globale Wirtschaftskraft, Weltbevölkerung, Kohlendioxid, Wasserverbrauch, Düngerverbrauch, Versauerung der Meere, Plastikproduktion, städtische Bevölkerung, internationaler Tourismus und viele mehr.

Bei der Luftverschmutzung, der biologischen Vielfalt, beim Ausmass des Klimawandels und anderen Bereichen hat unser Planet jedoch Grenzen der Belastbarkeit. Grenzen, die eingehalten werden müssen, damit die Lebensgrundlagen für den Menschen gewahrt bleiben. Inzwischen sind bereits sieben von neun planetaren Grenzen eiüberschritten.
Sieben von neun planetaren Grenzen überschritten - Ozeanversauerung im Gefahrenbereich. Potsdam-Institut für Klimaforschung. 24.09.2025

Wir stehen an einem Scheideweg: Können wir die heutigen exponentiellen Trends stabilisieren und schaffen wir es, uns auf einem nachhaltigen Pfad gut weiterzuentwickeln oder machen wir weiter wie bisher und nehmen zunehmende Unbeständigkeit und den beschleunigten Niedergang in Kauf?

Je mehr der Mensch durch exponentielle Steigerungsprozesse planetare Grenzen überschreitet und natürliche Regulationsmechanismen ausser Kraft setzt, desto dringender müssen diese Prozesse durch politisches Handeln und kollektive Steuerung rechtzeitig eingefangen und stabilisiert werden.
Emanuel Deutschmann. Buch: Die Exponentialgesellschaft. Vom Ende des Wachstums zur Stabilisierung der Welt. 2025.

Das Prinzip Verantwortung muss heute in erster Linie dafür eingesetzt werden, zu bremsen, zu schützen, zu bewahren und so eine Entwicklung zu verhindern, die zum Untergang der Menschheit führen könnte.
Hans Jonas, Philosoph. Buch: Das Prinzip Verantwortung.1979

Ignorieren wir die Probleme?

© Andrey_Kuzmin | Shutterstock, [US] 2023

Keine kommende Katastrophe wurde je so gründlich untersucht wie die Erderwärmung. Und keine wurde je so gründlich ignoriert

Die erste Weltklimakonferenz fand in Genf bereits im Jahr 1979 statt. Seit 1995 finden jährlich Weltklimakonferenzen statt und doch nehmen die globalen Treibhausgas-Emissionen jedes Jahr weiterhin zu. Noch nie war der Anstieg der globalen CO- Konzentration seit dem Beginn der modernen Messungen 1957 so gross wie von 2023 bis 2024.

Am Klimagipfel 2021 in Glasgow hatten die Staaten festgehalten, die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 im Vergleich zum Stand 2010 um 45 % zu senken. Damit sollte die Erderwärmung unter 2°C begrenzt werden.

Untersuchungen zur Wirksamkeit der bisherigen Verpflichtungen der Staaten zur Reduktion ihrer Emissionen zeigen jetzt aber: würden sie in diesem Umfang umgesetzt, dann wären die globalen Emissionen 2030 nicht niedriger, sondern rund 9 % höher als im Jahre 2010.
Übersetzt von: United Nations – Climate Change. New Analysis of National Climate Plans: Insufficient Progress Made, COP28 Must Set Stage for Immediate Action. 14. November 2023.

Die Kluft zwischen Klimaherausforderung und Klimahandeln, zwischen Anspruch und Engagement wächst rasant. Diese Entwicklung rechtfertigt es, von einer planetaren Notlage zu sprechen.
Hans Joachim Schellnhuber - Gründungsdirektor und langjähriger Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung PIK. Kurze wissenschaftliche Stellungnahme zur sich verschärfenden Klimakrise. WissenLeben 14.02.25

Für die jungen Leute, die in den Statistiken als besorgt oder extrem besorgt auftauchen, sind die Meldungen über die Klimakrise nicht annähernd so deprimierend wie die Tatsache, dass diese Meldungen ignoriert werden.
Daniel Graf. Ja, Zukunftslust, verdammt! REPUBLIK 14.02.2023

Bei einer grossen internationalen Umfrage im Jahr 2021 wurden 10,000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in aller Welt zu ihrer Einstellung zum Klimawandel befragt:

  • Mehr als die Hälfte der jungen Menschen glaubt, dass die Menschheit aufgrund des Klimawandels dem Untergang geweiht ist.
  • Mehr als ein Drittel der jungen Menschen zögert wegen des Klimawandels, Kinder zu bekommen.
  • Klimaangst und Leidensdruck korrelieren mit einer als unzureichend empfundenen Reaktion der Regierungen und dem damit verbundenen Gefühl des Verrats.
    Übersetzt aus Quelle: Caroline Hickman et al. 2021. The Lancet Planetary Health. Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey.

Was sind die Auswirkungen extremer Ungleichheit?

© klublu | Shutterstock, [US] 2023

Die Ungleichheit bei Vermögen, Ressourcenverbrauch, CO2-Ausstoss usw. zwischen den Ländern und auch innerhalb der Gesellschaften ist enorm.

Über 600 Ökonomen und Wissenschaftler fordern in einem offenen Brief die Einrichtung eines neuen «Internationalen Gremiums für Ungleichheit», einer Organisation ähnlich dem Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC) der Vereinten Nationen, um Massnahmen gegen die ihrer Meinung nach katastrophalen Auswirkungen auf die moderne Gesellschaft zu koordinieren.
Open letter. Economists and inequality experts support call for new International Panel on Inequality. November 2025

Die Ungleichheit der globalen Arbeitsteilung führt zu einer unfassbaren Verlogenheit in der Klimadebatte, bei der die Länder des globalen Südens für den Raubbau an ihrer Natur verantwortlich gemacht werden, obwohl der Nutzen davon zu grossen Teilen dem globalen Norden zugutekommt, der zudem den Raubbau mit seiner Technologie und seinem Finanzkapital erst ermöglicht.
Beckert Jens. Buch: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. 2024

Grosse Teile der Bevölkerung weltweit haben kaum Anteil am Wirtschaftswachstum, während die wirtschaftliche Wertschöpfung hauptsächlich einer kleinen Gesellschaftsschicht zugutekommt. Noch nie waren deren Vermögen so gross wie heute und sie steigen aktuell rasant an.

Das reichste 1 % der Menschheit ist für mehr CO2 - Emissionen verantwortlich als die ärmsten 66 %, was schwerwiegende Folgen für schutzbedürftige Gemeinschaften und die globalen Bemühungen zur Bewältigung der Klimakrise hat.
Übersetzt von: Jonathan Watts. Richest 1% account for more carbon emissions than poorest 66%, report says. The Guardian, 20.11.2023. Data based on the report of Oxfam International. Climate Equality: A planet for the 99%. PDF

Milliarden von ärmeren und die weltweit ärmsten Menschen, die kaum etwas zum Klimawandel und Ansteigen der Erderwärmung beigetragen haben, sind den Auswirkungen des Klimawandels durch Dürre, Überschwemmungen und Hitze schutzlos ausgeliefert und existentiell bedroht.

Es ist verständlich, warum eine Politik zur Reduzierung der CO2-Emissionen, die diese enormen Ungleichheiten ignoriert, wahrscheinlich keine breite Unterstützung findet und auf starken Widerstand stossen könnte.
Übersetzt von: Richard Wilkinson and Kate Pickett. From inequality to sustainability. EarthforAll. 2022. PDF 
Ohne entschlossene Massnahmen zum drastischen Abbau sozio-ökonomischer Ungleichheiten gibt es keine Lösung der Umwelt- und Klimakrise.
Piketty Thomas. Buch: Eine kurze Geschichte der Gleichheit. 2022

Was ist unser Dilemma? 

© PX Media | Shutterstock, [US] 2023

Solange der Mensch zahlenmässig klein und technologisch begrenzt war, konnte er die Erde realistischerweise als ein unendliches Reservoir, eine unendliche Quelle für Inputs und eine unendliche Senkgrube für Outputs betrachten. Heute können wir nicht mehr von dieser Annahme ausgehen.
Übersetzt von: K.E. Boulding. Earth as a Space Ship. Washington State University Committee on Space Sciences. 1965

Die heutigen Glaubens- und Denkmuster stammen alle aus der Zeit einer mit Menschen fast leeren Welt und eignen sich nicht für die mit Menschen volle Welt von heute.

Heute, eigentlich seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, lebt die Menschheit in einer vollen Welt. Vor hundert Jahren lebten ca. 1'700, im Jahr 1950 ca. 2'500 und heute leben ca. 8'000 Millionen Menschen auf unserer Erde.

Die Grenzen sind sichtbar, fühlbar in allem was wir tun. Und doch verfolgt die Welt weiterhin eine Wachtsumspolitik, als ob wir immer noch in der leeren Welt von damals lebten, als die Fülle an natürlichen Ressourcen auf dieser Erde endlos schien.
Gemäss: Weizsäcker v. Ernst Ulrich und Anders Wijkman. Buch: Wir sind dran - Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. 2018

Unsere Institutionen und unser Regierungshandeln sind für eine Welt konzipiert, die von relativer Stabilität und Fortschritt geprägt ist. Sie sind jedoch nicht dafür ausgelegt, unsere Gesellschaft in Zeiten des raschen Wandels zu steuern, wenn weit verbreitete Prämissen wie das Streben nach Wachstum sich gegen uns wenden.

Die politischen Entscheidungsträger müssen mutige und ehrgeizige Massnahmen ergreifen, die der Dringlichkeit und dem Zusammenspiel sich überschneidender Krisen Rechnung tragen und gleichzeitig einen wirklich gerechten und integrativen Übergang gewährleisten.
Übersetzt von: Katy Wiese, Senior Policy Officer at the EEB in: Andreas Budiman. The tricky path to financing our way out of the climate crisis. Meta from European Environmental Bureau EEB. April 5, 2023.

© andriano.cz | Shutterstock, [US] 2019

Wir alle scheinen schlafwandelnd auf eine Katastrophe zuzusteuern, ohne dass sich unsere Gewohnheiten oder unser Lebensstil ändern. Die Unternehmen ziehen sich von ihren Verpflichtungen zurück und werden dabei von ihren Aktionären lautstark bejubelt. Die Klimagipfel greifen zu kurz.

Das Tragische daran ist, dass wir so viele Ideen, Lösungen, Technologien und sogar die Ressourcen haben, um den Klimawandel grundlegend anzugehen. Was uns fehlt, ist die Führung und der kollektive Wille, sie in grossem Umfang und schnell umzusetzen.
Übersetzt von: Ravi Venkatesan. Sozialunternehmer und Autor. Post auf LinkedIn. 30.12.2024

Mit Blick auf den Kampf gegen den Klimawandel ist das Dilemma offensichtlich.

Einerseits erhöht Konsum in einer durch fossile Energieträger beherrschten Wirtschaft den CO- Ausstoss und verursacht darüber hinaus andere Umweltschäden, die etwa die Artenvielfalt beeinträchtigen. Je mehr konsumiert wird, desto stärker wird die Umwelt belastet.

Andrerseits basiert das Gesellschaftssystem sowohl wirtschaftlich als auch politisch und kulturell genau auf diesem Konsum und seiner weiteren Steigerung.
Beckert Jens. Buch: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. 2024

Im Run auf immer «mehr» verlieren wir den Blick, dass «besser» eine ganz andere Zielsetzung ist.
Maja Göpel. Buch: Werte. Ein Kompass für die Zukunft. 2025

© Danilo_Designer | Shutterstock, [US] 2024