
Nachhaltig - wie denn?
Sind wir nachhaltig unterwegs?
Definition Nachhaltigkeit
17 Ziele nachhaltige Entwicklung
Wirtschaftswachstum auf Kosten der biologischen Vielfalt
Menschheit am Scheideweg
Everyone matters
Immer mehr statt besser?
Verzichten?
Lesezeit ~ 10 min
Wir sind aktuell nicht nachhaltig unterwegs. Innerhalb der Lebenszeit einer einzigen Generation nahm die Weltbevölkerung, der globale CO2 - Ausstoss, der Ressourcen- und Energieverbrauch in beispiellosem Tempo zu.

Datenquelle: Christian Berg. 2020. Online-Vorstellung des neuen Berichts an den Club of Rome – Ist Nachhaltigkeit utopisch?
Die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung stehen fest. Wir wissen aber aktuell nicht, unter welchen Bedingungen es der Menschheit gelingen kann, die Massnahmen zur Erreichung dieser Nachhaltigkeitsziele global auch wirklich umzusetzen.
Christian Berg. Buch: Ist Nachhaltigkeit utopisch? Wie wir Barrieren überwinden und zukunftsfähig handeln. 2020
Der Fortschrittsbericht der Agenda 2030 zeigt zur Halbzeit, dass nur 12 Prozent der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung auf dem richtigen Weg sind. Die Fortschritte bei 50 Prozent sind schwach und unzureichend. Am schlimmsten ist jedoch, dass wir bei mehr als 30 Prozent der Nachhaltigkeitsziele ins Stocken geraten sind oder den Rückwärtsgang eingelegt haben.
Übersetzt von Antonio Guterres. Secretary-General's remark to launch the Special Edition of the Sustainable Development Goals Progress Report. 25. April 2023.
Greenwashing
Ein von der Europäischen Union finanziertes Forschungsprojekt (2023) hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der für Produkte und Dienstleistungen gemachten Umweltaussagen - genauer gesagt 53 % - entweder zweideutig, irreführend oder unbegründet sind. 40 % der Aussagen entbehren jeglicher Grundlage.
Übersetzt von: Alexandra Walker and Hélène Gaudin. Paint it Green: Strategies for Detecting and Combatting Greenwashing in ESG Ratings. ERM Sustainability Institute. 2024
Nachhaltigkeit ist in aller Munde, sowohl in Politik, Wirtschaft und im Privaten. Jeder kann sich unter dem Begriff etwas vorstellen und setzt dabei andere Schwerpunkte. Der Begriff läuft somit Gefahr, «Alles und Nichts» zu bedeuten.
Agentur für Forschung. 2019. Wahrnehmung von "Nachhaltigkeit" - Bericht zur qualitativen Studie. Mannheim, 05. September 2019
Definition Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
Brundtland-Bericht - Our Common Future, Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987
Nachhaltigkeit ist ein Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.
Wörterbuch Duden
Nachhaltigkeit bedeutet - auf eine prägnante Formel gebracht - gutes Leben für rund zehn Milliarden Menschen innerhalb der ökologischen Grenzen auf unserem Planeten.
Uwe Schneidewind. Buch: Die Grosse Transformation - Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. 2018
Nachhaltigkeit ist ein Leitkonzept, um humane Lebensbedingungen für alle Menschen weltweit heute und in Zukunft sicherzustellen und zu fördern sowie dazu beizutragen, dass die dafür notwendigen natürlichen Lebensgrundlagen wiederhergestellt und erhalten werden.
Mark Lawrence. 2023. Wie lebe ich nachhaltig? RIFS Forschungsinsitut für Nachhaltigkeit. Helmholtz-Zentrum Potsdam.
So einfach diese Definitionen auch lauten, so schwer ist es, ein einheitliches, gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit zu erlangen.
Aber ohne ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit ist die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft kaum zu bewältigen.
Wir müssen von der tief verinnerlichten Grundhaltung Wettbewerb und Eigennutz hin zu einer Grundhaltung Kooperation und Gemeinwohl finden, wollen wir z.B. den globalen Klimawandel wirklich eindämmen.
17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung
UN Agenda 2030
Diese Ziele beantworten alle drei Designfragen für gute
Politikgestaltung im 21. Jahrhundert:
- Welche Bedürfnisse haben wir?
- Wie sehen die Umstände aus?
- Welche Ressourcen sind zentral?
Im Einzelnen lauten sie:
- Armut überwinden
- Hunger beenden und gesunde Ernährung sichern
- Gesundheit und Wohlergehen steigern
- Hochwertige Bildung garantieren
- Geschlechtergerechtigkeit garantieren
- Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen garantieren
- Bezahlbare und saubere Energie bereitstellen
- Menschenwürdige Arbeit und nachhaltiges Wirtschaftswachstum
- Industrie, Innovation und Infrastrukturen nachhaltig erneuern
- Ungleichheit zwischen und in Ländern abbauen
- Nachhaltige Städte und Gemeinden entwickeln
- Nachhaltiger Konsum und Produktion
- Massnahmen zum Klimaschutz
- Leben unter Wasser erhalten
- Leben an Land unterhalten
- Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen
- Partnerschaften zur Erreichung der Ziele
Maja Göpel. Buch: Werte – Ein Kompass für die Zukunft. 2025
Neuere Studien zu den Wechselwirkungen zwischen den Nachhaltigkeitszielen haben den Erhalt der Biodiversität als einen der stärksten Hebel zur Erreichung von Nachhaltigkeit identifiziert.
Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. Mit Biodiversität die SDGs erreichen. 2021. PDF
Wir stehen an einem entscheidenden Wendepunkt für Wirtschaft und Natur! Unternehmen und Finanzinstitute haben – gemeinsam mit Regierungen und der Zivilgesellschaft – sowohl die Chance als auch die Verantwortung, den Wandel hin zu einer gerechteren und nachhaltigeren Weltwirtschaft voranzutreiben.
Zu lange schon ging Wirtschaftswachstum auf Kosten der biologischen Vielfalt und untergrub damit die Grundlagen des menschlichen Wohlergehens, der finanziellen Stabilität und des langfristigen Wohlstands.
Dieser Kurs führt nicht nur zu einer Umweltkrise, sondern stellt auch ein tiefgreifendes systemisches Risiko für Volkswirtschaften und Gesellschaften weltweit dar.
Dennoch verstärken die derzeitigen Rahmenbedingungen weiterhin den "Business-as-usual" - Ansatz und verfehlen den transformativen Wandel, der dringend erforderlich ist, um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und umzukehren.
Übersetzt von: Jones, M. et al. Impact and Dependence of Business on Biodiversity and Nature's Contributions to People. Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES). 2026

© pathdoc | Shutterstock, Inc. [US] 2017
Die Welt ist im Wandel - ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Die einzigen Unwägbarkeiten sind das Tempo und die Richtung dieses Wandels und die Frage, ob die Gesellschaften Wege zu langfristiger Nachhaltigkeit und Wohlstand finden oder sich stattdessen mit zunehmender Unbeständigkeit und beschleunigtem Niedergang abfinden werden.
Übergänge verlaufen nur selten reibungslos, und die Nachhaltigkeitstransformation ist vielleicht die schwierigste, die die globalen Gesellschaften je erlebt haben. Scheinbar widersprüchliche Wahrheiten und tiefe Ungewissheiten müssen in kurz-, mittel- und langfristigen Plänen berücksichtigt werden.
Wie bei früheren Umwälzungen - die laufende digitale Transformation ist ein gutes Beispiel dafür - stehen erhebliche Werte auf dem Spiel, und es können enorme Werte geschaffen werden.
Übersetzt von: Jacco Kroon etal. 2024. Report: Catching the wave - Seizing the opportunities of sustainability transformation. Executive Summary.ERM. Sustainabilty Institute and World Busness Council for Sustainable Development. PDF
Die Menschheit steht am Scheideweg. Ungebremstes Wachstum gefährdet die Lebensgrundlagen unseres Planeten und verschärft die Ungleichheiten. Der Wandel hin zu einer nachhaltigen Zukunft ist eine Alternative für die Menschen und den Planeten – eine gerechte und ausgewogene Welt für alle.
Der Wandel hin zu einer nachhaltigen Zukunft ist möglich, doch jetzt sind entschlossene Massnahmen erforderlich. Sechs transformative Schritte sind notwendig, um die SDGs zu erreichen:
Substanzielle Fortschritte bei den menschlichen Fähigkeiten sind durch weitere Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen erforderlich.
Verantwortungsvoller Konsum und verantwortungsvolle Produktion überschneiden sich mit mehreren anderen Transformationen und ermöglichen es uns, mit weniger mehr zu erreichen.
Es ist möglich, das Energiesystem zu dekarbonisieren und gleichzeitig saubere und bezahlbare Energie für alle bereitzustellen.
Um allen Menschen Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und sauberem Wasser zu ermöglichen und gleichzeitig die Biosphäre und die Ozeane zu schützen, sind effizientere und nachhaltigere Ernährungssysteme erforderlich.
Die Umgestaltung unserer Städte wird der Mehrheit der Weltbevölkerung zugutekommen.
Wissenschaft, Technologie und Innovation sind ein starker Motor, doch die Richtung des Wandels muss eine nachhaltige Entwicklung unterstützen.
Übersetzt von: The World in 2050. Transformations to Achieve the Sustainable Development Goals. International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), 2018
Eine nachhaltige Entwicklung ist kaum vorstellbar
- ohne eine Wirtschaft zu entwickeln, die ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Fragen und sozialer und ökologischer Verantwortung schafft,
- ohne eine konsequente Kreislaufwirtschaft,
- ohne gleichzeitigem Zurückfahren des Überkonsums der Wohlhabenden,
- ohne entschlossene Massnahmen zum drastischen Abbau sozio-ökonomischer Ungleichheiten,
- ohne rasche Reduktion der CO2 – Emissionen,
- ohne grundlegende Änderung der Art und Weise, wie wir Land bewirtschaften.

© Kevin_Hsieh | Shutterstock, Inc. [US] 2018
Neben den von Regierungen und der Wirtschaft umgesetzten systemischen Veränderungen ist die gross angelegte Umsetzung von Klimaschutzmassnahmen durch den Einzelnen entscheidend für eine erfolgreiche Eindämmung des Klimawandels.
Veränderungen auf individueller Ebene auf der Nachfrageseite haben das Potenzial, zwischen 41 % und
78 % der Treibhausgasemissionen in den Sektoren Gebäude, Verkehr, Ernährung und Industrie zu mindern.Das Potenzial von Emissionsminderungsmassnahmen auf individueller Ebene ist jedoch bislang weitgehend ungenutzt geblieben. Um die Treibhausgasemissionen deutlich zu senken, müssen Einzelpersonen eine CO2-Kompetenz erwerben - also Wissen über die relativen Auswirkungen verschiedener Handlungen.
Übersetzt von: Mario Herberz et al. Psychological barriers to improving carbon competence. Nature sustainability 03 August 2026
Weniger neue Kleider kaufen, das Licht löschen, Materialien recyceln, Verpackungen vermeiden, den Verbrauch von heissem Wasser reduzieren und die Wohnung im Winter weniger heizen – die Liste an Handlungen, mit denen wir den Klimawandel zu bremsen versuchen, ist lang.
Und meistens sind wir von der Wirksamkeit dieser Massnahmen überzeugt. Doch genau diese Liste an Handlungen bringt vergleichsweise wenig.
Viel mehr wäre dem Klima geholfen, wenn wir auf Flüge und das Auto verzichten würden. Oder, wenn es nicht anders geht, sollten wir wenigstens mit einem Elektrofahrzeug fahren. Auch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, eine pflanzenbasierte Ernährung, Produkte mieten statt kaufen und Heizen mit einer Wärmepumpe vermeiden sehr viele Treibhausgasemissionen.
Die Wirkung dieser Massnahmen zum Klimaschutz unterschätzen wir jedoch meist systematisch.
Joachim Laukenmann. Warum wir uns beim Klimaschutz oft selbst belügen. Tages-Anzeiger. 15.08.2026

Hintergrund Bild ©
ra2studio | Shutterstock, Inc. [US] 2018
Im Run auf immer «mehr» verlieren wir den Blick, dass «besser» eine ganz andere Zielsetzung ist.
Maja Göpel. Buch: Werte. ein Kompass für die Zukunft. 2025
Wenn alle Eltern immer danach streben, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollen, und das «mit immer mehr haben sollen» verwechseln, dann haben es alle Kinder irgendwann einmal – weniger gut.
Maja Göpel. Unser Wunsch nach mehr, unsere Angst vor weniger. Wie unser Wohlstandsmodell den Planeten ruiniert. Blätter 3/2020, S. 98-106.
Wer also wirklich etwas ändern will, kommt um ein Nachdenken über das Dogma des «IMMER MEHR» nicht herum.
Kein intelligenter Mensch glaubt noch daran, dass das bestehende Wirtschaftssystem und das Konsumniveau der Gegenwart sich noch auf ein oder zwei Generationen fortsetzen lassen, ein Gedanke, der um 1900 oder 1950 noch selbstverständlich gewesen wäre. Das macht deutlich: Wir befinden uns am Ende von etwas.
Blom Philipp. Buch: Das grosse Welttheater. Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs. 2020
Der Gedanke, dass der Konsum entsprechend den Bedürfnissen eines Planeten, den sich acht Milliarden Menschen teilen, begrenzt werden sollte, ist für viele, vor allem in den privilegierten Nationen, als individuelle Orientierung und als politisches Programm undenkbar.
Übersetzt von: Anna Katsman. Planetary Commons. The New Institute. 25.05.2024
Viele Menschen im globalen Norden ziehen bisher den falschen Vergleich. Sie blicken auf ihr jetziges, vergleichsweise entspanntes Leben in Wohlstand und Freiheit und vergleichen es mit einer aufwendigen Transformation, die, wie es scheint, mit viel Verzicht, Umstellung und Unsicherheit verbunden wäre. Der Vergleich ist deswegen falsch, weil er auf die Utopie des Weiter-so zurückgreift, die gar keine tatsächlich wählbare Alternative ist.
Der ehrlichere Vergleich wäre der zwischen einer Gesellschaft, die die heutigen exponentiellen Trends*) stabilisiert und dem katastrophalen gesellschaftlichen Zusammenbruch, der eintritt, wenn diese Trends nicht rechtzeitig gestoppt werden.
Emanuel Deutschmann. Buch. Die Exponentialgesellschaft. Vom Ende des Wachstums zur Stabilisierung der Welt. 2025.*) z.B. Primärenergieverbrauch, globale Wirtschaftskraft, Weltbevölkerung, Kohlendioxid, Wasserverbrauch, Düngerverbrauch, Versauerung der Meere, Plastikproduktion, städtische Bevölkerung, internationaler Tourismus und viele mehr.

Verzichten müssen wir nicht auf Glück, Wohlbefinden und Gerechtigkeit, sondern auf Masslosigkeit, Überfluss, Stress und Konsumdekadenz.
Stefan Brunnhuber. Buch: Die Kunst der Transformation. Wie wir uns anpassen und die Welt verändern. 2023
Verzichten heisst in reichen Ländern eigentlich nicht mehr und nicht weniger, als darauf zu verzichten, den Planeten zu ruinieren und dafür die Lebensgrundlagen in der Zukunft zu erhalten. Das ist natürlich ein grosses Wort. Geht es nicht ein bisschen kleiner? Leider nein.
Maja Göpel. Buch: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. 2020
Wenn die Weltgemeinschaft nicht ihren Denkansatz von einem Modell der Herrschaft hin zu einem Modell der Partnerschaft ändert, wird die Menschheit zwar nicht aussterben. Doch dies würde viel unnötiges Leid nach sich ziehen, darunter für manche den vorzeitigen Tod sowie einen massiven Verlust an biologischer Vielfalt und möglicherweise den Zusammenbruch von Ökosystemen.
Übersetzt von: Gaya Herrington. 2022. Five Insights for Avoiding Global Collapse. pdf
Wenn wir die Natur besiegt haben, werden wir uns auf der Verliererseite wiederfinden.
Zitat von Konrad Lorenz, Biologe und Nobelpreisträger

Hintergrundbilder © JIL Photo + © F-Focus by Mati Kose | Shutterstock, Inc. [US] 2021
Titelbild: Nachhaltigkeit
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Gustavo Frazao | Shutterstock, Inc. [US] 2019

